Beim Stöbern durch aktuelle Themen rund um das Fediverse bin ich eher zufällig über eine neue Studie gestolpert. Darin werden X, Bluesky und Mastodon miteinander verglichen. Genauer gesagt geht es darum, welche Art von Sprache auf den einzelnen Plattformen besonders viel Aufmerksamkeit bekommt.
Das fand ich interessant. Seit der Übernahme von Twitter durch Elon Musk und der späteren Umbenennung in X bin ich dort selbst nicht mehr unterwegs. Ich kann deshalb nicht aus eigener Erfahrung beurteilen, wie sich die Plattform heute anfühlt.
Mastodon nutze ich dagegen täglich. Dort geht es natürlich auch nicht immer friedlich zu. Es wird gestritten, blockiert und manchmal ordentlich ausgeteilt. Friede, Freude, Eierkuchen ist das Fediverse nun wirklich nicht. Trotzdem wirkt der allgemeine Ton auf mich häufig anders.
Die neue Untersuchung liefert zumindest eine mögliche Erklärung dafür.
Was wurde überhaupt untersucht?
Die Studie trägt den recht sperrigen Titel „The Politics Attention Makes: Platform Media Logic and the Mediatization of Politics“. Sie stammt von Petter Törnberg von der Universität Amsterdam und wurde am 5. Juli 2026 auf der Forschungsplattform arXiv veröffentlicht.
Wichtig ist dabei: Es handelt sich um einen sogenannten Preprint. Das bedeutet, die Arbeit wurde bereits öffentlich zugänglich gemacht, aber noch nicht abschließend von anderen Wissenschaftlern geprüft. Die Ergebnisse sind deshalb interessant, sollten aber nicht als endgültig bewiesene Wahrheit behandelt werden.
Für die Untersuchung wurden sehr viele englischsprachige Beiträge ausgewertet:
- rund 813.000 Beiträge von X,
- 500.000 Beiträge von Bluesky,
- und etwa 950.000 Beiträge von Mastodon.
Dabei ging es nicht nur um ausdrücklich politische Beiträge. Untersucht wurde allgemein, welche Formulierungen mit Likes, Weiterleitungen und Reichweite zusammenhängen. Bei X sind mit Weiterleitungen Retweets und zitierte Beiträge gemeint, bei Bluesky Reposts und bei Mastodon die sogenannten Boosts. Ein Boost ist schlichtweg das Weiterteilen eines Beitrags an die eigenen Follower.
Falls euch Mastodon und das ganze offene Netzwerk dahinter noch nicht viel sagen, findet ihr in meinem Beitrag Was ist das Fediverse? Einfach erklärt für Einsteiger eine einfache Erklärung.
Die Anzahl der Follower wurde berücksichtigt
Ein großes Konto bekommt normalerweise mehr Reaktionen als ein kleines. Das liegt nicht unbedingt am besseren Text, sondern schlichtweg daran, dass mehr Menschen den Beitrag sehen.
Die Untersuchung hat deshalb versucht, solche Unterschiede herauszurechnen. Berücksichtigt wurden unter anderem die Zahl der Follower, die Uhrzeit, der Wochentag und der Monat der Veröffentlichung.
Danach wurde mithilfe eines Sprachmodells geprüft, welche sprachlichen Eigenschaften mit mehr Aufmerksamkeit zusammenhängen. Das Modell suchte beispielsweise nach Begründungen, persönlichen Geschichten, Mitgefühl, neutraler Sprache, Beleidigungen oder Angriffen auf bestimmte Gruppen.
Das klingt erstmal ziemlich technisch. Vereinfacht gesagt wurde geschaut:
Welche Art zu schreiben wird auf welcher Plattform besonders häufig mit Likes oder Weiterleitungen belohnt?
Likes und Weiterleitungen sind nicht dasselbe
Was mir bei den Ergebnissen aufgefallen ist: Ein Like und das Weiterteilen eines Beitrags folgen offenbar unterschiedlichen Regeln.
Persönliche Geschichten, positive Gefühle, Respekt und Mitgefühl erhielten auf allen drei Plattformen eher Likes. Das ist eigentlich nicht besonders überraschend. Ein sympathischer oder persönlicher Beitrag wird schnell mit einem Herz versehen.
Beim Weiterteilen wurden die Unterschiede aber deutlicher.
Auf X waren beleidigende, konfrontative und angreifende Formulierungen häufiger mit mehr Weiterleitungen verbunden. Respekt, ausführliche Begründungen und vorsichtige Formulierungen schnitten dagegen schlechter ab.
Bei Bluesky wurden eher neutrale und weniger emotional aufgeladene Beiträge weiterverbreitet.
Auf Mastodon bekamen Beiträge häufiger Boosts, wenn sie Begründungen, unterschiedliche Sichtweisen, Mitgefühl oder ein gemeinschaftliches „Wir“ enthielten.
Das bedeutet aber nicht, dass jeder aggressive Beitrag auf X automatisch durch die Decke geht oder auf Mastodon nur freundliche Abhandlungen herumgereicht werden. So einfach ist es dann doch nicht.
Auch Mastodon ist keine heile Welt
Die Studie fand auch auf Mastodon Hinweise darauf, dass Beleidigungen und Angriffe Aufmerksamkeit erhalten können. Sehr stark toxische Beiträge waren dort zwar eher selten, konnten in einzelnen Fällen aber trotzdem hohe Reaktionen auslösen.
Auch bei Bluesky verschwand aggressive Sprache nicht komplett.
Die Forscher schreiben deshalb selbst, dass ein Wechsel von X zu Mastodon oder Bluesky den Kampf um Aufmerksamkeit nicht beseitigt. Die Plattformen scheinen nur teilweise andere Arten von Beiträgen zu belohnen.
Das passt auch zu meinen bisherigen Erfahrungen. Offene Netzwerke sind nicht automatisch sicherer, freundlicher oder frei von Manipulation. In meinem Beitrag über Bluesky, russische Desinformation und die Fediverse-Brücke hatte ich bereits beschrieben, dass Offenheit allein solche Probleme nicht löst.
Liegt es am Algorithmus oder an den Menschen?
Genau diese Frage kann die Studie nicht eindeutig beantworten.
Bei X spielt der zentrale Empfehlungsalgorithmus eine wichtige Rolle. Er entscheidet mit, welche Beiträge besonders sichtbar werden. Mastodon funktioniert überwiegend anders. Dort gibt es chronologische Timelines, verschiedene unabhängige Server und keinen einzigen Algorithmus, der für das gesamte Netzwerk Beiträge sortiert.
Trotzdem entstehen auch auf Mastodon bestimmte Muster. Nutzer sehen, welche Beiträge viele Boosts erhalten, und passen möglicherweise unbewusst ihre Schreibweise daran an.
Außerdem unterscheiden sich die Menschen auf den Plattformen. Mastodon hat eine andere Nutzerschaft und andere Communitys als X oder Bluesky. Auch Moderation, Themen, Serverregeln und die jeweilige Kultur können eine Rolle spielen.
Die Forscher betonen deshalb ausdrücklich, dass ihre Ergebnisse nur Zusammenhänge zeigen. Die Studie beweist nicht, dass eine bestimmte Formulierung direkt durch die Plattform mehr Reichweite bekommt. Sie kann auch nicht sauber trennen, ob der Algorithmus, die Nutzer oder die jeweilige Community dafür verantwortlich sind. Dazu kommt, dass die Daten der drei Plattformen aus unterschiedlichen Zeiträumen stammen.
Warum ich das trotzdem wichtig finde
Soziale Netzwerke zeigen uns nicht nur Inhalte. Sie bringen uns auch bei, welche Art von Beitrag funktioniert.
Wer ständig erlebt, dass Wut, Zuspitzung und persönliche Angriffe besonders viele Reaktionen bekommen, wird irgendwann vielleicht genauso schreiben. Nicht unbedingt absichtlich. Man merkt sich einfach, was gut läuft.
Genau darin liegt für mich der interessante Punkt der Studie.
Bei der Wahl eines sozialen Netzwerks geht es nicht nur darum, wo die meisten Nutzer sind oder welche App am schönsten aussieht. Es geht auch darum, welches Verhalten dort Aufmerksamkeit bekommt.
Darüber hatte ich bereits in meinem Beitrag Warum der Wechsel ins Fediverse jetzt wichtiger denn je ist geschrieben. Offene Netzwerke lösen nicht jedes Problem. Sie können aber andere Regeln, Strukturen und damit vielleicht auch einen etwas anderen Umgang miteinander ermöglichen.
Mein Eindruck
Ich kann den Vergleich mit dem heutigen X selbst nicht bestätigen, weil ich dort seit Jahren nicht mehr aktiv bin. Das möchte ich auch nicht so darstellen.
Bei Mastodon erlebe ich aber tatsächlich häufig ausführlichere Antworten und mehr echte Gespräche. Manchmal wird sich dort allerdings auch in der eigenen Bubble gegenseitig bestätigt. Und wenn ein Thema hochkocht, kann es genauso unangenehm werden wie anderswo.
Die Studie erklärt also nicht abschließend, warum Mastodon anders klingt. Sie zeigt aber recht deutlich, dass unterschiedliche Plattformen offenbar auch unterschiedliche Arten der Kommunikation belohnen.
Für mich ist das eine gute Erinnerung: Nicht nur wir formen soziale Netzwerke. Die Netzwerke formen mit der Zeit auch ein bisschen uns.
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