Coreboot 26.06: Offene Firmware für Nova Lake, Strix Halo und mehr

Manchmal sind es nicht die großen bunten Produktankündigungen, die wirklich spannend sind. Manchmal steckt die wichtigere Meldung ziemlich tief unten im System. Also da, wo man normalerweise nur landet, wenn irgendwas nicht bootet, der Lüfter eskaliert oder man im BIOS wieder eine Option sucht, die der Hersteller gut versteckt hat.

Coreboot 26.06 ist genau so eine Meldung.

Die freie Firmware, die auf unterstützter Hardware das klassische Hersteller-BIOS oder UEFI ersetzen kann, ist in einer neuen Version erschienen. Und diesmal ist einiges dabei: Unterstützung für Intel Nova Lake, erste Arbeit an AMD Strix Halo, neue Qualcomm-Calypso-Unterstützung und insgesamt 31 neu hinzugekommene Mainboards. Das Coreboot-Projekt spricht außerdem von 1163 Commits seit Version 26.03 und 101 beteiligten Autoren. Nicht schlecht für ein Projekt, das viele normale Nutzer wahrscheinlich nie bewusst sehen.

Firmware ist nicht sexy, aber wichtig

Ich gebe zu: Firmware klingt erstmal nicht nach dem Thema, bei dem man morgens freudig den Kaffee abstellt und ruft: „Juhu, endlich!“ Aber genau da sitzt ein ziemlich wichtiger Teil unserer Rechner.

Bevor Linux, Windows oder sonst irgendwas startet, muss die Hardware erstmal sauber initialisiert werden. Speicher, CPU, Geräte, Bootpfade, Stromsparmodi, das ganze Zeug. Und bei vielen Geräten passiert das über ziemlich geschlossene Hersteller-Firmware. Man nutzt sie halt, weil sie da ist. Viel reinsehen kann man nicht. Viel ändern auch nicht.

Coreboot ist da eine andere Nummer. Nicht automatisch für jedes Gerät geeignet, nicht mal eben nebenbei installiert, und schon gar nicht ohne Risiko. Aber es zeigt, dass offene Firmware machbar ist. Und das ist für mich der spannende Teil.

Gerade wenn man sich öfter mit Linux, Servern oder sparsamen Mini-PCs beschäftigt, merkt man irgendwann, wie viel vom Verhalten eines Systems eben nicht nur am Betriebssystem hängt. Ich hatte das ja auch schon beim Thema CPU Temperatur senken via BIOS Einstellung⁠. Man dreht an einer Einstellung im BIOS, und siehe da, plötzlich läuft die Kiste kühler, ruhiger und sinnvoller für den eigenen Einsatzzweck.

Nova Lake, Strix Halo und viele neue Boards

Bei Coreboot 26.06 ist vor allem die neue Plattformarbeit interessant. Intel Nova Lake bekommt erste Unterstützung. Das ist noch frühe Arbeit, Coreboot selbst weist auch darauf hin, dass DDR5 dort noch nicht unterstützt wird und noch FSP-Workarounds im Spiel sind. Also bitte nicht denken: Morgen irgendein Nova-Lake-Board kaufen, Coreboot draufballern und fertig. So einfach ist es nicht.

Auch AMD Strix Halo taucht erstmals im Code auf. Das erste Board dafür ist das AMD Maple Referenz-Mainboard. Auch hier gilt: Work in Progress. Noch nichts für echte Alltags-Hardware daheim auf dem Schreibtisch. Aber als Signal ist es wichtig, weil solche Unterstützung früh im Entwicklungszyklus langfristig dafür sorgt, dass offene Firmware nicht immer nur hinterherläuft.

Dazu kommen bekannte Namen aus der Praxis: Framework Laptop 13, ThinkPad X61/X61s, mehrere ASUS- und ASRock-Boards, Star Labs und System76. Das ist für mich fast der schönste Teil an solchen Releases. Nicht nur neue Plattformen, sondern auch ältere oder alltagstaugliche Geräte bekommen Aufmerksamkeit. Gerade beim ThinkPad X61 musste ich schon etwas schmunzeln. Diese alten Kisten sterben gefühlt einfach nicht.

Warum mich das als Linux-Nutzer interessiert

Ich nutze Linux nicht, weil ich jeden Tag alles selbst kompilieren möchte. Ganz ehrlich, auf so viel Gefrickel habe ich auch keine Lust mehr. Ich nutze Linux und Open Source, weil ich gern verstehe, was auf meinen Geräten passiert. Oder wenigstens die Möglichkeit haben möchte, nachzuschauen.

Und genau da passt Coreboot rein.

Offene Firmware kann mehr Transparenz bringen. Sie kann langfristig dafür sorgen, dass Geräte besser wartbar bleiben. Sie kann Bootzeiten verbessern, Altgeräte länger nutzbar machen und Entwicklern mehr Kontrolle geben. Natürlich nur auf unterstützter Hardware und mit dem nötigen Wissen. Das ist kein Klickibunti-Update über irgendein Hersteller-Tool.

Trotzdem ist die Richtung wichtig. Gerade weil Intel, AMD und die großen Plattformhersteller immer stärker bestimmen, was mit welcher Hardware überhaupt möglich ist. Dazu passt auch mein älterer Blick auf Intels Rückzug aus der Open-Source-Community⁠. Da sieht man recht gut, dass Offenheit bei großen Firmen nicht einfach aus Nächstenliebe passiert, sondern immer auch Strategie ist.

Open Source und KI: läuft inzwischen auf derselben Schiene

Fast parallel dazu hat die Linux Foundation in ihrem Juni-Newsletter wieder gezeigt, wie stark Open Source inzwischen auch bei KI-Infrastruktur mitmischt. Da geht es nicht nur um nette Chatbots, sondern um agentenbasierte KI-Systeme, Gateways, MLOps, Datenschutz, Confidential Computing und offene Standards für den Austausch zwischen Diensten.

Das klingt erstmal groß und nach Enterprise-Folien mit viel Blau und Pfeilen. Aber am Ende landet vieles davon irgendwann auch bei normalen Nutzern. So war es bei Linux-Servern, bei Containern, bei Kubernetes, bei vielen Sicherheitsfunktionen und jetzt eben bei KI-Werkzeugen.

Die Agentic AI Foundation nimmt zum Beispiel agentgateway als Projekt auf. Das soll als Gateway für KI- und Agenten-Workloads dienen, unter anderem für MCP, A2A, LLM-Inference, HTTP und gRPC. Außerdem wird goose weiterentwickelt, mit Hooks, Plugins und mehr Kontrolle über verschiedene Anbieter. Für Privatanwender ist das vielleicht noch nicht direkt greifbar, aber die Richtung ist klar: KI soll nicht nur als geschlossene Blackbox bei ein paar großen Anbietern laufen.

Ich finde das gerade deshalb spannend, weil ich selbst lieber kleinere, nachvollziehbare Dienste betreibe. Das sieht man auch bei meinen Fediverse- und Open-Source-Diensten⁠. Nicht alles ist perfekt, manches nervt, manches braucht Pflege. Aber es ist greifbarer. Und genau dieses Gefühl fehlt mir bei vielen aktuellen KI-Angeboten noch.

KI braucht Vertrauen, nicht nur Rechenleistung

Ein Punkt aus dem Linux-Foundation-Newsletter ist mir besonders hängen geblieben: Confidential Computing. Also grob gesagt Techniken, bei denen Daten auch während der Verarbeitung besser geschützt werden sollen. Die Linux Foundation verweist unter anderem auf neue GDPR-Einschätzungen zu Trusted Execution Environments und auf Arbeiten des Confidential Computing Consortiums.

Das ist bei KI nicht nur ein nettes Extra. Wenn KI-Agenten irgendwann selbstständig Datenbanken abfragen, APIs nutzen, Dokumente zusammenführen und Entscheidungen vorbereiten, dann möchte ich ziemlich genau wissen, wo meine Daten landen und wer da technisch Zugriff hat.

Da reicht es nicht, wenn irgendwo steht: „Wir nehmen Datenschutz ernst.“ Ja, schön. Sagen alle. Interessanter ist, ob die Technik darunter nachvollziehbar ist. Ob Standards offen sind. Ob Implementierungen geprüft werden können. Ob man im Zweifel eine Alternative selbst betreiben kann.

Ich hatte mir ja auch schon mal eine OpenClaw Installation⁠ angeschaut. Solche Projekte sind sicher nicht für jeden gedacht, aber sie zeigen, dass KI nicht zwangsläufig nur aus riesigen Cloud-Angeboten bestehen muss.

Mein Fazit

Coreboot 26.06 und der Linux-Foundation-Newsletter wirken auf den ersten Blick wie zwei völlig verschiedene Meldungen. Unten Firmware, oben KI-Infrastruktur. Aber eigentlich geht es um dasselbe Thema: Kontrolle.

Wer kontrolliert den Start meines Rechners?

Wer kontrolliert die Plattform, auf der KI läuft?

Wer kann prüfen, was passiert?

Wer kann Dinge anpassen, reparieren oder weiterentwickeln?

Open Source löst nicht automatisch alle Probleme. Das wäre Quatsch. Offener Code bedeutet nicht automatisch sichere Software, gute Dokumentation oder einfache Bedienung. Aber es gibt eine Grundlage, auf der andere weiterarbeiten können. Und genau das ist mir lieber als komplett geschlossene Systeme, bei denen man nur hoffen darf, dass schon alles passt.

Coreboot 26.06 ist deshalb für mich mehr als nur ein Firmware-Release. Es ist wieder so ein kleines Zeichen: Da arbeiten Leute daran, dass unsere Geräte nicht komplett zur Blackbox werden. Und bei KI passiert gerade etwas Ähnliches. Noch wild, noch unübersichtlich, teilweise auch überdreht. Aber Open Source sitzt wieder mit am Tisch.

Und das ist, um es schlichtweg zu sagen, ziemlich wichtig.

Quellen: Coreboot Release 26.06, Linux Foundation Newsletter Juni 2026.

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